• Für einen Freund:

     

    Man muß nie verzweifeln, wenn etwas verloren geht,

    ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück;

    es kommt alles noch herrlicher wieder.

    Was abfallen muß, fällt ab; was zu uns gehört, bleibt bei uns,

    denn es geht alles nach Gesetzen vor sich, die größer als unsere Einsicht sind

    und mit denen wir nur scheinbar im Widerspruch stehen.

    Man muß in sich selber leben und an das ganze Leben denken,

    an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte,

    denen gegenüber es nichts Vergangenes und Verlorenes gibt.

     

    Brief von Rainer Maria Rilke an Friedrich Westhoff, Rom, 29. April 1904

     

  • Ein fiktives Interview mit Katrine aus „Ein Volksfeind“ von Hendrik Ibsen

     

    Katrine Stockmann, Frau des Badearztes Thomas Stockmann, der in den letzten Wochen wiederholt Schlagzeilen gemacht hat, spricht hier nun zum ersten Mal über ihre Situation:

     

    Frau Stockmann, nach dem, was sie in den vergangenen Wochen in Skien durchgemacht haben – wie geht es ihnen jetzt?

    Tja, ich habe lange gehofft, dass sich alles noch einmal einrenken wird. Vielleicht zu lange. Ich habe die Fähigkeit der – ja ich muss sagen – der Herren um uns herum in Skien zum konstruktiven Dialog überschätzt. Ich bin entäuscht und ratlos über soviel Nicht-Zuhören, Nicht-Hinhören, Nicht-Mitfühlen, soviel Egoismus und Unterstellungen, die unsere Familie in den letzten Tagen ertragen musste.

    Fühlen Sie sich als Opfer der Situation?

    Mein Mann hat einen entscheidenden Beitrag zu den bestehenden Missverständnissen beigetragen. Sehen Sie, es ging um eine gute Sache. Darum, die Qualität des Wassers zu verbessern, das so niemals hätte als Heilwasser angeboten werden dürfen. Aber er hatte leider nicht das nötige Selbstvertrauen, diese Veränderung mit einem langen Atem durch zu setzen. Er liess sich provozieren und verführen, zu Aussagen, die er niemals im Kern so gemeint hat. Sehen Sie der grösste Teil der Wahrheit ist weder schwarz noch weiss, sondern grau. Aber das verkauft sich leider nicht so gut. Ich bin sehr überzeugt eine Vertreterin der Grauheit“.

    Da Sie von Ihrer Familie sprachen, existiert diese für Sie also noch?

    Na das ist ja keine Entscheidung, die ich einfach fällen kann: plötzlich keine Familie mehr zu haben. Natürlich habe ich nach wie vor drei Kinder, ich habe einen Vater, der lebt und ich habe auch einen Ehemann. Aber ich gebe zu, dass es sich momentan nicht sehr familiär anfühlt. Eher wie ein Schlachtfeld, eine Zwangsgemeinschaft, eine Terrorzelle...

    Eine Terrorzelle?

    Ja, sowas... es gibt eine Art sehr ungesundes zusammengepfercht sein, das auf einer gemeinsamen Vergangenheit beruht, die einmal mit Überzeugungen und Liebe begonnen wurde. Aber diese Gemeinschaft hat sich verselbständigt, wurde instrumentalisiert. Ähnlich, wie ich mir das heutzutage in einer Terrorzelle vorstelle, man ist auf Gedeih und Verderb zusammen, weil man einmal Überzeugungen teilte und diese durchsetzen wollte. Was davon real geblieben ist: Man stellt fest, dass man sich scheinbar gar nicht kennt und gemeinsam hat man nur noch, dass man nicht mehr zur Gesellschaft gehört, aussätzig ist.

    Wie sieht das tägliche Leben für sie aus?

    Momentan ist alles schwierig. Vor allem macht mir zu schaffen, dass die Kinder nicht mehr in die Schule gehen. Mein Mann war der Ansicht, sie wären dort nicht mehr gut aufgehoben. Ich bin dieser Ansicht nicht. Auch wenn Kinder untereinander sehr brutal sein können, es wird auch schnell vergessen und vergeben. Es ist das traurige Privileg der Erwachsenen langjährigen Hass zu hegen und immer wieder aufs Neue zu entfachen und zu untermauern. Verzeihen Sie bitte meine etwas hakelige Wortwahl, ich bin es nicht gewohnt, über meine Situation mit jemandem zu sprechen. Schon gar nicht mit einem Journalisten...

    Bis jetzt ist ihre Wortwahl sehr verständlich, Frau Stockmann...

    (Frau Stockmann schluckt, kurzer Glanz in ihren Augen, fängt sich aber sehr schnell wieder.)

    Jedenfalls wäre ich sehr dafür, die Jungs so schnell wie möglich wieder in eine Schule zu bringen, hier oder sonstwo...

    Sonstwo? Wo wollen Sie denn hin?

    Ja, gute Frage. Die sollten sie wohl eher meinem Mann stellen. Gerade sieht es so aus, als würden wir wohl hier in Skien bleiben, wo uns Kapitän Horster dankenswerterweise Teile seines Hauses zur Verfügung gestellt hat.

    Auf Dauer geht das nicht.

    Was meinen Sie genau?

    Sehen Sie, in bestimmten Geschäften werden wir nicht bedient. Das Verhältnis zu meinem Vater ist extrem kühl. Mir macht das nicht so zu schaffen, aber die Jungs verstehen das nicht und wollen zu ihrem Opa. Immer wieder werden Scheiben in Herrn Horsters Haus eingeworfen und die Hauswände beschmiert. Wir haben ihm nicht nur die Kündigung beschert, sondern auch noch die Zerstörung seines Hauses. Neulich haben wir Nägel im Brot gefunden und Petra, unsere Tochter bekommt schreckliche Drohbriefe. Vielleicht beruhigen sich die Gemüter bald wieder.

    Wie gehen Sie in der Familie damit um?

    Gar nicht. Es ist schrecklich, aber gar nicht. Das ist Teil des Problems. Ich bin der Ansicht, dass mein Mann dringend therapeutische Hilfe braucht. Im Augenblick schliesst er sich nahezu den ganzen Tag ein und schreibt oder spricht in sein Diktiergerät. Für uns ist er so gut wie nicht ansprechbar. Meine ältere Tochter Petra spricht auch kaum mit mir. Ich spüre, dass sie mir unbewusst die Schuld gibt, an dem was passiert ist. Ich kann sie sogar verstehen, sie ist sehr temperamentvoll, machmal aufbrausend, aber auch unglaublich sensibel und sie bewundert ihren Vater sehr. Ich mache mir grosse Sorgen, dass sie es nicht verkraftet, ihn so verfallen zu sehen.

    Und Sie? Wer sorgt sich um Sie?

    Ich glaube, dass mein Mann im Grunde seines Herzens schon ein Familienmensch ist. Er liebt mich und die Kinder. Er ist nur nicht in der Lage, sich tatsächlich um uns zu kümmern.

    Was ist stärker – ihr Bedürfnis nach Sicherheit oder nach Liebe?

    Heute würde ich sagen, es wäre schön, mal wieder eine Nacht zu schlafen...

    Bereuen Sie, dass sie nie einen Beruf gelernt haben?

    Ja.

    Sie können das ja vielleicht noch nachholen?

    Ja. Wenn die Kinder... Ja.

    Danke für das Gespräch Frau Stockmann und Alles Gute Ihnen und Ihren Kindern!

    Und meinem Mann.

    Und ihrem Mann, natürlich.

  • Making of ... scene bites I special edition familie

     

    Was einen Schauspieler auszeichnet, ist das Unerwartete, das Neue, das Risiko. Daran glaube ich, genauso wie ans Lernen, an Kreativität und Selbständigkeit, an Arbeiten statt Abwarten, an Inspiration durch Konkurrenz, an Solidarität und ich glaube an Gruppen, Kollektive, Ensemble.

    Ich glaube auch, dass wir Schauspieler mehr sind, als weisungsgebundene abhängig Beschäftigte, die ihren Beruf dann ausüben, wenn sie gefragt werden. Vor der Jagd nach dem nächsten Drehtag oder der Rolle mit dem größeren Textanteil steht der Geschichtenerzähler, der verrückt danach ist, gehört zu werden und sich mit Anderen zu streiten, zu messen, sich auseinander zu setzen, eben zu spielen.

    Ich glaube daran, dass wir Schauspieler unseren Beruf gewählt haben, (mit den ganzen Selbstzweifeln, den Zeiten, in denen das Telefon nicht klingelt, den Überforderungen einer neuen Rolle, den unternehmerischen Anforderungen, gleichzeitig sein eigener Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu sein, all dem was manchmal so schwer auszuhalten ist und so lähmen kann) weil wir spüren, dass wir etwas zu erzählen haben, dass etwas von uns unbedingt in der Welt existieren soll. Das Dilemma ist, dass wir üblicherweise nicht entscheiden können, was unsere nächste Rolle, unsere nächste Auseinandersetzung sein wird. Wir werden besetzt und somit ist entschieden, welche Geschichte wir als nächstes erzählen, in wessen Leben wir eintauchen.

    Das kann ein Glück sein, diese eine Rolle zu kriegen, die Drehtage, den Stückvertrag. Aber daneben tragen wir unsere eigenen Geschichten in uns, die gespielt und gesehen werden wollen, haben wir unsere Vorlieben, Geschmäcker und Lieblingsrollen...

    Im Frühjahr vergangenen Jahres haben Stephanie Maile und ich begonnen, das Konzept unserer 2009 in Berlin uraufgeführten „scene bites“ zu verfeinern.

    Die Idee: Schauspieler suchen sich ihre eigenen Rollen, die Geschichten, die sie erzählen wollen.

    Mit anderen Worten: Wenn wir grad nicht durch eine neue Rolle inspiriert werden, inspirieren wir die Branche durch uns.

    Die Idee fanden wir einfach und überzeugend, Nun ging es darum, die Plattform zu schaffen, eine Struktur vorzugeben, den Prozess zu organisieren... Wir wollten eine Gruppe von Schauspielern, die verschiedene Altersschichten und Erfahrungen vereint und haben 17 Schauspieler zwischen Anfang Zwanzig und Ende Fünfzig gefunden. Wir haben uns mit „Familie“ ein übergeordnetes Thema gesucht, das genügend Sprengstoff hat, Varianten ermöglicht und unterhaltsam ist, weil jeder damit eine eigene Geschichte verbindet. Bewußt haben wir entschieden, dass jeder Kollege so arbeiten kann, wie er es möchte – sich entweder einen Text schreiben lassen, sich selbst seine Szene schreiben oder durch Improvisationen gemeinsam und mit regelmäßigem feedback der Gruppe eine Szene herausmeißeln. Wir wollten, dass alle Figuren unserer Familienbande nicht nur auf der Bühne, sondern auf der Leinwand zu erleben sind, um auch die Film- und Fernsehbranche anzusprechen. Wir haben einen Moderator gesucht und gefunden, der unterhaltsam, eigen und extravagant ist und doch im Dienst der Gruppe steht. Und wir wollten einen Spielort, der wie die Sophiensaele zentral in Berlin liegt und offen ist für unkonventionelle Konzepte und im besten Sinne konservatives Schauspielertheater.

    Alle 18 Schauspieler haben etwas Geld in einen Topf geworfen, sich einen oder mehrere Spielpartner gesucht, sich auf einen Konflikt, eine Rolle geeinigt, die sie als Herausforderung empfanden, sich für eine Arbeitsweise entschieden und angefangen zu arbeiten. Wir haben uns im letzten halben Jahr alle zwei Wochen zu einer gemeinsamen Probe und „Entwicklungsschau“ getroffen, um uns die Arbeitsstände zu zeigen und feedback von den Anderen zu bekommen.

    Wir haben erlebt, dass man sich hinsetzen kann, ein Konzept entwickeln, eine Bühne finden, in einen Arbeitsprozess eintreten und zu einer Aufführung gelangen, die wahrgenommen wird von der Branche. Die schlüssige Idee unserer scene bites I special edition familie ist am 5.September in den Sophiensaelen Berlin erstmals aufgegangen. Das feedback der anwesenden Caster/innen (Frau Wendland, Frau Borkmann, Frau Siebenrock, Frau Mössner, Frau Seibicke, Frau Weimann) Regisseur/innen (Katharina Schöde, Monika Dobrowlanska, Katja Lehmann, Nicole Oder, Ralf Beyerle, Konstanze Schmitt, Tobias Rausch, Hardi Sturm, Petra Wagner, Hans Werner, Ben von Grafenstein, Patrick Banush, Folke Braband, Bernd Sahling u.a.) und Produzent/innen war eine irre Bestärkung, weiter zu machen.

    Das tolle war und ist die Arbeit, der Weg, das „in den Prozess eintreten“ und dabei wieder auf das zu stoßen, was uns Schauspieler antreibt, auf die Bühne oder vor die Kamera zu treten. Die Arbeit funktioniert nur, indem wir herausfinden, was wir, warum zu erzählen haben, wie wir arbeiten und wie wir gesehen werden wollen.

    Der gemeinsame Wunsch war: lieber zu arbeiten, als zu warten, der Antrieb war, eine Geschichte zu erzählen. Neun verschiedene Familienszenen waren das Ergebnis, jede so eigen, wie die Kollegen, die sie gefunden und gespielt haben.

    Auf eine besondere Weise haben wir erfahren, dass wir nach einigen Jahren im Beruf verdammt viel können, u.a. auch uns jenseits von persönlichem Geschmack und Stil gegenseitig konstruktiv kritisieren, ohne zu zerstören. Was wir bei den Anderen sahen, trieb uns an, selbst noch tiefer zu graben, die Szene nochmal zu hinterfragen, stärkere Motivationen zu suchen, die Figuren reicher zu machen oder zu beschränken... Das alles war der Prozess. Und plötzlich waren wir neben Schauspielern, auch Dramaturgen, Regisseure, Kameramänner, Fotografen, Produzenten, Assistenten, Herstellungsleiter... etc.

    Das war ein verdammt gutes Gefühl, in der eigenen Verantwortung zu stehen, nur sich selbst gerecht werden zu müssen, sein eigener Kreativchef und Angestellter zu sein.

    Für uns bleibt als Erkenntnis: Wenn wir was zu erzählen haben, können wir das tun! Und was wir noch nicht können, können wir lernen! Wer kann das besser, als wir Schauspieler?

  • various ardencies

    funny: rushmoreacademy

    wichtig: gesicht zeigen

    schön: xenia fink

    schön: julia lehmann

    thrilling: damages

    unbelievable: ricky gervais

    mind opening: thought maybe

    So geht Serie auch!!! EINZUG INS PARADIES

  • Fragen

    "...und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind... Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein." Rainer Maria Rilke
  • various cruelties 1 - Der Exterminator

    Ein Schrankturm von einem Mann, etwas zu groß für die Welt, sitzt auf einem etwas zu kleinen Stuhl an einem zu kleinen Tisch mit einer unscheinbaren, etwas zu ängstlichen Frau. Sie trinken Tee. Langsam und etwas zu laut spricht er zu ihr:

    Na ja, ein bisschen einsam ist das. Aber was soll man machen? Kann man ja sagen, ist mein Dienst an der Gesellschaft. Dienst an der Waffe sozusagen. (er lacht und wird wieder ernst) Schon richtig mit Ausbildung und so. Insektizide. Akarizide. Rodentizide. Larvizide. (sie lächelt) Ja, das sagt den meisten nichts. Klar. Ist bei denen immer nur so ein Interesse, um was zu reden. Deswegen sag ich’s schon immer nicht gern. Nervengift. Da schrecken sie dann zusammen. So genau wollen sie’s dann doch lieber nicht wissen. „Ach sehen sie nur, jetzt sind sie aber ganz schön aufgeregt…“ Ja wie gesagt – Nervengift! Sollen sie ja auch. Die die drin sind, im Nest, sind sofort hinüber und die die draußen sind krepieren über Nacht. Ich hab eigentlich nichts gegen die Viecher. Hat manchmal direkt was anmutiges, wie sie so ineinander krabbeln oder durcheinander fliegen. Sind manchmal richtige Muster. Klar die haben ja auch ihre Ordnung. Schon sehr schön, manchmal. Aber ich sag immer, von denen krieg ich ja nicht mein Gehalt, sag ich immer. Wenn die Viecher mich zahlen würden, wer weiß… (die Frau zuckt kurz zusammen) Na. Das ist jetzt aber auch nur so rein gedacht, so theoretisch. Aber ganz lustig eigentlich. Denk ich schon manchmal, wie’s so wäre, sich einfach mal mit denen zu verbünden. Die könnten jemanden wie mich gut brauchen. Jemanden der groß ist, kräftig. (er denkt über sich nach) Vielleicht nicht so schnell. Aber schnell sind die ja selber. Ja. Denke ich manchmal so. Na, man braucht schon einen gewissen Instinkt, so, um sie ausfindig zu machen. Damit man genau weiß, wo man die Spritze ansetzen muss. Ist nix für Totaldoofis. Hab meine Ausbildung noch im Osten gemacht oder eignetlich so mittendrin, in dieser Wendezeit. Aber Ungeziefer gibt’s jetzt genauso wie früher. Ist krisensicher. (die Frau nickt, man könnte Interesse interpretieren) Die sollen mir nicht kommen mit Kammerjäger. Ach das ist ja der Herr Kammerjäger. Ja wenn sie gern in ner Kammer leben wollen. Gibt’s doch schon lange nicht mehr. Schädlingsbekämpfer. Ein bisschen Respekt. Man macht halt seinen Job. Und der ist nun mal nicht jagen, sondern vernichten. Und zwar zielsicher. Aber wie gesagt, sonst macht’s ja keiner. Sollte man besser auch nicht ran. Die sind ja auch nicht doof. Die Viecher. Na ja ein bisschen Humor kann man schon mal haben. Manchmal gibt’s ja auch ein Kaffee oder was. Aber meistens will ich das auch gar nicht. Meistens da denkt man schon, auch nicht so schade, wenn man noch mal ein bisschen drum herum sozusagen - bereinigt… Ungeziefer ist ja ein weiter Begriff. Und wirken tut’s schon, muss man nur wissen, was und wie man’s dosiert…  (er schaut sie lange an, sie verschluckt sich) Aber man muss halt immer gucken, wer’s einem dankt.

  • various cordialities 1 - Der Junge, der in Obstbäumen schlief

    Ein Mann, nicht mehr ganz jung auch noch nicht alt, sitzt mir gegenüber und erinnert sich plötzlich. Wir haben die zweite Flasche Wein geöffnet und sitzen am offenen Fenster in seiner Küche. Der Stadtlärm schwappt in kleinen Wellen herein. Es ist Nacht, Spätsommer, kühl schon, aber der Baum im Hof steht noch in vollem Grün. Wir haben gegessen, was er gekocht hat und ich erzähle von den Fotos aus meiner Kindheit, die ich kürzlich betrachtet habe, wieder gefunden in klammstaubigen Koffern und Schachteln in meinem Keller. Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Foto von meinem jüngeren Bruder, irgendetwas ausgewogen witzig sentimentales, das ich ihm zu seiner anstehenden Hochzeit als Erinnerung an unsere gemeinsam verbrachte Zeit schenken könnte. Ich suchte nach einer Erinnerung an die Tage, in denen wir noch zwangsläufig miteinander zu tun hatten, in einem Zimmer wohnten, trotz des Altersunterschiedes und trotz der späteren Entfremdung, die sicher schon damals ihren Ursprung nahm. Nun erzähle ich dem Mann, der mir jetzt sehr deutlich zuhört, von dem Gefühl, da müßte es zumindest ein Foto geben, dass dieses Gefühl aber täuscht, ich keines finde, das für meinen Anlass zu gebrauchen ist, aber schon bald in anderen versunken bin. Fotos, die nicht meinen Bruder, sondern mich zeigen als Kind. Fotos von Urlauben, Klassenfahrten, Ferienlagern. Auf allen stehe ich im Hintergrund und sehe traurig aus. Fassungslos betrachte ich ein ums andere Bild und finde nicht die Übereinstimmung mit meiner Erinnerung.

    Die Geschichten, die ich heute von meiner Kindheit erzähle, beschreiben mich zwar als verträumtes, aber doch sehr lebendiges Kind. Jetzt, beim Betrachten der Bilder bin ich enttäuscht. Enttäuscht von mir selbst und ich glaube zu verstehen, warum damals niemand etwas mit mir zu tun haben wollte, mit so einem schüchternen langen Schlacks, der für Fotos immer wie angesagt (Die Großen nach hinten, die Kleinen nach vorn!) in die hinterste Reihe trat und mit schiefgelegtem Kopf in die Kamera traurigte. Ich bin enttäuscht über meine fehlende Frechheit, über meine Zurückgenommenheit, die doch wenn ich darüber nachdenke, damals die einzige Möglichkeit war, zu sein. Ich scheine also einen Schleier der Verklärung auf meine Kindertage gelegt zu haben, fasse ich dem Mann, der mir gegenüber in seinem Espresso rührt meine Entdeckung zusammen. Ich habe Spaß am Formulieren in seiner Gegenwart. Wir sind an diesem Abend sehr rasch zu dem Punkt gekommen, wo eine Geschichte das Stichwort für die nächste ergibt, wir uns gegenseitig unsere Sätze ergänzen und dabei feststellen, wie oft wir ähnlich empfinden.

    Wir spüren, wie die andere Seele die eigene reflektiert. Wir pusten nichts auf. Wir sind ehrlich. Wir finden Gemeinsamkeiten und sind uns die meiste Zeit einig in der Auswertung unserer erzählten Erlebnisse. Jetzt sagt der Mann mir gegenüber, das es komisch sei, aber er habe fast die gegensätzliche Erfahrung gemacht, als er Kinderfotos von sich betrachtet hat. Ich frage inwiefern und er beschreibt sein Erstaunen, sich auf alten Fotos so fröhlich und vergnügt zu sehen, obwohl er in seiner Erinnerung eigentlich von allem genervt war. Die Schule hätte er gehasst, soziale Kontakte wären ihm ein Graus gewesen und am liebsten hätte er allein in den Kronen der Obstbäume geschlafen. Augenblicklich stelle ich mir eine Illustration der Brüder Grimm Märchen vor, eine Zeichnung, die einen Jungen schlafend auf einem Apfelbaum zeigt. Er sagt, ja so war es tatsächlich, märchenhaft. Manchmal hätte er sich dabei von einer Baumkrone zur nächsten gewippt. Wie, frage ich erstaunt, wie geht das? Das ist etwas, was man wohl nur als Kind tun könne, sagt er. Das hat mit dem Gewicht zu tun. Ein Erwachsener sei zu schwer und könne dabei nicht vom Baum gehalten werden. Als Kind aber kann man die Baumkrone so in Schwingung versetzen, dass man in den nächsten Baum überspringen kann und so sei er manchmal in luftiger Höhe immer weiter gewandert, bis er schließlich irgendwo auf den Ästen eingeschlafen sei.

    Er hätte sich dort am liebsten vor der restlichen Welt verkrochen und deswegen kämen ihm jetzt die Fotoaufnahmen, die ihn als ein offenes und fröhliches Kind zeigen so merkwürdig falsch vor. Ich schweige und sehe aus dem geöffneten Fenster neben dem Küchentisch in den dunklen Nachthimmel, beeindruckt. Diese Geschichte verlangt einen Moment Andacht. Weil ich mich gleichzeitig beobachtet fühle, lege ich jetzt den Kopf schief, um die Sterne sehen zu können. Der Wind raschelt durch den Baum im Hof und ich überlege zum ersten Mal an diesem Abend, was ich sagen kann.